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Einer der besten Journalisten (m/w) der SZ – und ein „guter“ Journalist kann nur der sein, der sach- und beziehungskompetent wirklich denken kann – ist Peter Münch, der, sieht man von dem einen schweren Kunstfehler ab, uns Leser durchweg mit wirklich zutreffenden und erhellenden Hintergrundinformationen bereichert hat, so auch in der SZ von heute.
Sehr gefreut habe ich mich darüber hinaus heute auch über den mit „Gespensterjagd“ betitelten SZ-Leitartikel von Hans Leyendecker, dem ich nicht zuletzt deshalb eine kritische Würdigung schenken will, weil ich nach meinen drei Philippiken, die ich im übrigen ebenfalls als Geschenk bewertet habe, „mal was richtig Positives“ über “die” SZ sagen möchte.
Mit „Gespensterjagd“ greift Leyendecker - in weitgehender Übereinstimmung übrigens mit den Ansichten von Paul Craig Roberts[1] – einige der Kritikpunkte auf, die insbesondere von mir in den letzten Jahren gegen die Kriegsführung des Imperiums vorgetragen worden sind; hier die wichtigsten Vorwürfe Leyendeckers:
Zwar hat die Welt schon viele religiöse Fanatiker und politische Schwerkriminelle erlebt, aber kein anderer Träumer des Absoluten löste solche Paranoia aus wie der Massenmörder vom 11. September. Aus berechtigter Sorge über seine angeblichen Pläne wurde nicht selten hysterischer Katastrophismus. Es ist noch gar nicht lange her, dass Bin Ladens Mörderbande von Experten als ‘dritte totalitäre Herausforderung’ beschworen wurde. Also fast so schlimm wie der Kommunismus und der Nationalsozialismus. Das war eine wahnsinnige Übertreibung und machte Hitler und Stalin sehr klein. Bin Laden mag vieles gewesen sein, ein Wiedergänger Hitlers war er nicht.
Und dann beendeten zwei Kugeln den Spuk. Auch Gespenster sind also sterblich. Jetzt warnt die professionelle Warn-Industrie, zu der Geheimdienste und Politik, aber auch Wissenschaft und Publizistik gehören, wieder mal vor der Entwarnung. Einzeltäter, Rächer, Bewahrer des Mythos al-Qaida könnten unterwegs sein. Ja, immer ist jemand irgendwo unterwegs. Die Sicherheit hat eine fürsorgliche Lobby, die einem auch mal Angst machen kann. Sie braucht den ewigen Dämon, um ihn mit allem, was ein Apparat hergibt, bekämpfen zu können.
Kämpfer für Sicherheit haben die Eigenschaft, niemals sorgenfrei zu sein. Immer fehlt irgendwo ein Stück an Absicherung gegen den imaginären oder den tatsächlichen Feind. Es braucht dann noch härtere Gesetze, mehr Personal, größere Befugnisse, um heute, morgen und übermorgen die Welt retten zu können. Sicherheitsapparate halten sich für den Fels in der Brandung – für die letzte Bastion vor dem Weltuntergang. (…)
Die von mir hervorgehobenen Stichworte kennzeichnen in der Tat – also wirklich – einige Kernaussagen der seit Jahren geführten öffentlichen Debatte, und sie sind von Leyendecker sehr gekonnt zu jenem Potpourri von Behauptungen zusammengefügt worden, die von interessierter Seite – nicht zuletzt auch von der SZ – bisher als Elemente einer „Verschwörungstheorie“ gegen das Imperium verdächtigt und damit bis heute aus der kritischen Erörterung herausgehalten worden sind; mal sehen, ob es damit in der nächsten Woche in der SZ weiter geht….?!
Denn es sind in dieser informellen Abrechnung mit den Propagandisten des „hysterischen Katastrophismus“ – auch denen im eigenen Haus – noch Leerstellen zu verzeichnen, von denen ich abschließend drei benennen und beschreiben möchte:
1. Festzuhalten ist, dass Leyendecker sich bei der Beschreibung der Schweinereien des Imperiums und seiner Heloten – darunter auch der deutsche Bundestag – journalistisch korrekt verhält:
Viele hundert Milliarden Dollar kostete bislang der Kampf gegen die islamistischen Gespenster. Zwei Kriege wurden geführt, schätzungsweise 150000 Menschen starben dabei. War die Bedrohung wirklich so total?
doch festzuhalten ist auch, dass er offensichtlich zu feige ist, Ross und Reiter, also die Profiteure dieser Schweinereien zu benennen, einen Standpunkt zu beziehen. Anders dagegen – und damit vorbildlich – die Haltung von Volker Pispers.
Stattdessen versteckt er sich hinter einer Frage, die er – als ein mit dem Henri-Nannen-Preis Ausgezeichneter – auf jeden Fall hätte beantworten müssen, mit einem klaren NEIN natürlich, zeigt er doch auf, dass die Verfolgung von „Terroristen“ eine Sache von Geheimdiensten und Polizeien ist, nicht aber die von Streitkräften! Wer also sind die Profiteure dieser grundgesetzwidrigen und völkerrechtswidrigen Angriffskriege?!
2. Festzuhalten ist, dass Leyendecker so tut, als wüsste er nichts über die Auftraggeber der Geheimdienste, wenn er schreibt:
Viele der Einschätzungen, die von den Diensten genährt wurden und als sichere Feststellungen galten, waren übertrieben. Wahnvorstellungen und Omnipotenzphantasien der Gotteskrieger wurden für bare Münze genommen. Über die Gründe kann man spekulieren.
Festzuhalten ist jedoch, dass man von einem wirklichen Journalisten erwarten können muss, dass er recherchiert und die Gründe herausfindet, oder aber – und das ist ebenfalls professionell - Hypothesen (= begründbare Vermutungen) auf- und zur Diskussion stellt.
Was Leyendecker jedoch macht – wahrscheinlich auch aus der Befürchtung heraus, im eigenen Haus oder in der Peergroup als „Verschwörungstheoretiker“ diskreditiert zu werden – das entspricht genau der Strategie des Imperiums, nämlich das „gesammelte Schweigen“ der Belämmerten, der zur Schlachtbank geführten Kälber nicht zu brechen, sondern zu „respektieren“, genauer gesagt: den Bann, das Tabu nicht zu brechen.
Ich aber halte dagegen: Das Verschweigen der eigenen Meinung über die Gründe für zwei Angriffskriege des Imperiums mit ca. 150.000 Toten (und der zehnfachen Anzahl von Krüppeln und anderen Traumatisierten!) ist ein Verbrechen, das in der Neuzeit beispielsweise von der Gruppe israelischer Soldaten mit dem programmatischen Namen Breaking The Silence als solches erkannt und durch die Herstellung von Öffentlichkeit aufgebrochen worden ist, angesichts der Macht des Mainstreams eine Heldentat, ein mutiges Verhalten also, das ich auch von einem wirklichen Journalisten mit der Lebenserfahrung eines Hans Leyendeckers erwarte!
3. Festzuhalten ist auch, dass zwar die „Gründe“ für die Angriffskriege des Imperiums in dessen politisch-ökonomischen Strukturen zu finden sind[2], dass aber der loyalitätsbefördernde und -erzwingende Prozess der „politischen Willensbildung des Volkes“ (Art. 21 GG) und seiner „Volksvertreter“ durch die „systemrelevanten“ Konzerne unter den Massenmedien (Presse, Rundfunk, Film und Fernsehen) sowie durch die das Bildungssystem steuernden Bürokratien in Richtung des „Illusionär-Denken-Müssens“ gelenkt wird.
Dass von Hans Leyendecker die Manipulation der Öffentlichkeit als Werk der Schlapphüte verniedlicht wird, das muss auch fürderhin als Vernebelungstaktik bezeichnet werden, sind es doch in Wirklichkeit nicht die Führungskräfte der Geheimdienste (allein), sondern zuvörderst die Führungskräfte der Massenmedien und Schulverwaltungen, die darüber entscheiden, nicht ob, sondern wie „das Volk“ für die Zwecke des Systemerhalts ideologisch zugerichtet werden sollte und müsste.
Und diese Zwecksetzungen werden in der westlichen Hemisphäre schlussendlich vom raffenden Kapital bestimmt, dessen Transaktionen zu steuern und zu besteuern niemand wagen würde, der von dessem parasitär abgeschöpften Surplus (auch weiterhin oder überhaupt) alimentiert werden möchte, weshalb von den karrieristischen Politikern und den anderen Öffentlichkeitsbearbeitern – die ja das, was ich weiß, sehr wohl selber wissen – diese wirklichen Zwecksetzungen zugunsten der scheinbaren Zielsetzungen beredt verschwiegen werden.
Mein Fazit: genau die Beschreibung der verbrecherischen politisch-ökonomischen Zustände, wie sie uns Hans Leyendecker ja geliefert hat, führt beim Adressaten leider zu politischer Resignation und zur verstärkten konsumistischen Anpassung an die normative Kraft des Faktischen, an die herrschende Vorstellung von „Demokratie“ als Freiheit der Produktwahl, als Gipfelpunkt der Konsumfreiheit derer, die sich verdingen – bzw. die sich verschulden können.
Was aber angesagt werden muss, will man den momentan nur als „Klimakatastrophe“ apostrophierten realen Prozess der konsumistischen Autoaggression / Selbstzerstörung aufhalten, das ist die Wahrheit über Krieg als Mittel der Politik, will sagen, dass
- weder der „Krieg gegen den Terror“,
- noch der „Krieg gegen die Drogen“
- noch der „Krieg gegen die Natur“
- noch die „humanitär“ getarnten „Militärinterventionen“ durch vermeintliche „Krisen(re)aktionskräfte“
der Menschheit den notwendigen zivilisatorischen Fortschritt bringen – und bringen können, zerstören sie doch schon im Frieden als „Verteidigungsausgaben“ in Höhe von 1,5 Billionen Dollar pro Jahr die ökonomische Basis für die längst überfälligen Investitionen in die Bildung, in die Gesundheit, in die „Lebensmittel“ der Menschen weltweit!
Wer also in Kenntnis (!) dieser zerstörerischen Rahmenbedingungen nicht zum radikalen Pazifisten wird, der versündigt sich wirklich, denn ohne eine radikale Demilitarisierung des Planeten, also ohne Abrüstung und ohne endgültige Entrüstung wird es nicht nur weiterhin so genannte Terroristen geben, sondern – tausendmal gefährlicher – eine verschwindend kleine Minderheit von Profiteuren jenes ultimativen, jenes wirklichen Terrors, den wir von altersher KRIEG nennen:
„Frieden ist nicht alles,
aber ohne Frieden ist alles nichts“,
soll der legitime Träger des Friedensnobelpreises, Willy Brandt, gesagt haben: ich jedenfalls traue ihm diese Haltung zu. Und mache sie zu Politik i. S. von Art. 21 GG.
[1] Unbedingt empfehlenswert ist die Lektüre seines Aufsatzes „Die Amerikaner leben heute in Orwells 1984“. Sein Fazit:
Für diejenigen, die Orwells klassische Vorhersage unserer heutigen Gesellschaft nicht gelesen haben, sei gesagt, dass der Große Bruder, die Regierung, den „Bürgern“ jede Lüge aufs Auge drücken konnte und diese unhinterfragt akzeptiert wurde. Ein scharfsinniger Leser machte mich darauf aufmerksam, dass wir Amerikaner, mit unserer „freien Presse“ heute an diesem Punkt angelangt sind: „Wirklich beunruhigend ist die zunehmend arrogante Schlampigkeit dieser Lügen, als ob die Regierung sich so völlig ihrer Fähigkeit sicher ist, die Menschen zu täuschen, dass sie so gut wie gar nichts unternimmt, um auch nur den Anschein von Glaubwürdigkeit zu erwecken.“
Ein Volk, das so leichtgläubig ist wie die Amerikaner, hat keine Zukunft.
[2] Ich denke hier beispielsweise an die säkulare politische Entwicklung in den USA, derzufolge der US-Präsident den Kongress bei nahezu jeder seiner Kriegserklärungen übergangen, dass also die älteste wirkliche Demokratie der Welt den autokratischen Weg der napoleonisch-cäsaristischen Selbst-Krönung eines Diktators auf Zeit eingeschlagen hat!
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