BILD schoss mit

Zitat von Marco Z. Es kann nicht hinwegdiskutiert werden, dass das Hauptmotiv der 68er, der Kampf gegen den vermeintlich faschistoiden BRD-Staat, damit weggefallen ist.

Die SPON-Frage lautet: „Muss die Geschichte der Linken umgeschrieben werden?“ Sie ist genau so typisch (und damit denkwürdig) wie die Bejahung dieser Frage durch den Foristen Marco Z., weshalb sich eine verständnisvolle Beschäftigung sowohl mit dieser Frage als auch mit seiner Antwort lohnt.

Ich darf retrospektiv beginnen und die kesse Frage stellen, ob in 2009 denn mit dem Nachweis einer „sowjetischen“ Urheberschaft des Reichstagsbrands von 1933 etwa auch „die Geschichte des Nationalsozialismus umgeschrieben werden“ müsse? Oder: wen interessierte nach der Entfesselung des I. Weltkriegs noch die Motivation des Attentäters in Sarajevo, ist doch entscheidend für die Wirkung einer Tat nicht das Motiv des Täters, sondern ihr Nutzen für die Mächtigen / Herrschenden: Cui bono?! Und entscheidend ist, ob die „Zeit reif ist“!

Der Unsinn einer solchen Frage, die übrigens auch von den ehemaligen Chefredakteuren des SPIEGEL und des STERN – Stefan Aust und Michael Jürgs – immer mal wieder gestellt und mit hanebüchenen „Antworten“ bedient worden ist (zuletzt in ZAPP auf NDR 3[1] vom 27. 5.) dürfte allein durch diesen Analogieschluss zumindest schon plausibel gemacht worden sein. Doch das reicht nicht mehr hin, denn den Revisionisten, also diejenigen, für die „jetzt erwiesen“ und denen deshalb auch daran gelegen ist, dass die „fehlgeleitete (….) 68er Generation mit dieser Sache endgültig zu Grabe getragen“ (Marco Z.) werden könne, verfügen nicht selten über politisch einflussreiche Positionen, üben also Einfluss auf „die politische Willensbildung des Volkes“ aus.

Nehmen wir doch als Beispiel nur die Springer-Zeitungen, deren Missbrauch des Grundrechts auf Pressefreiheit im Westberlin der 60er Jahre aktenkundig ist (s. u.): sie reden jetzt wie Kamerad Marco Z.: „Ohnesorg wurde nicht von einem `faschistoiden westdeutschen Bullen` ermordet, sondern von einem schießwütigen Stalinisten“, woraus doch eigentlich folge, dass die damalige Berichterstattung keine Volksverhetzung, sondern eine „putative Notwehr“ gewesen sei, die es seinerzeit auch gerechtfertigt habe, dass sowohl die „Insulaner“ als auch ihr Zentralorgan die rebellischen Studenten als vom „Osten gekaufte Subjekte“ diskreditiert und ihnen zugerufen haben: „geht doch rüber“ oder „früher gab`s das nicht, da hätte man euch alle vergast“….! Oder?!

Was Marco Z, was Stefan Aust oder Kurt Kister (SZ vom 26. 5.) nicht begreifen wollen, das ist die einfache Tatsache, dass die Zeit reif gewesen ist für eine Rebellion dieser Art. Der schießwütige Kurras war dementsprechend nicht der Grund der Studentenrevolte, sondern sein Schuss war der Auslöser für eine spontan von unten sich formierende außerparlamentarische Opposition, die sich im übrigen anfänglich gegen den eigentlichen Skandal richtete, nämlich dagegen, dass ein Totschießer nicht nur nicht verurteilt, sondern von der Westberliner Bevölkerung und ihren journalistischen Sprachrohren als Freiheitsheld gefeiert worden ist. Für diese berlintypische Mentalität hat sich – bis auf den deswegen zurückgetretenen damaligen Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz – bis heute niemand entschuldigt, und von dieser wahrhaft faschistoiden Mentalität der meisten „Frontstadt“-Berliner, dem eigentlichen Problem dieser Zeit, soll auch dieser Medienhype erneut ablenken.

Doch diese wirkliche historische Schande wird nicht „zu Grabe getragen“ werden können. Da hilft auch ein evidenter Denkfehler nicht weiter, Marco Z.!

28.05.2009, 11:33   #1297 discurso Registriert seit: 05.04.2007 Beiträge: 3.706

Bildzeitung damals und heute


„Wer Terror produziert, muß Härte in Kauf nehmen.“

Schlagzeile der Springer-Zeitung „B.Z.“ am 3. Juni 1967, dem Tag, nachdem der unbewaffnet gegen den Schah demonstrierende Benno Ohnesorg von dem Polizisten Kurras erschossen worden war.

Unter der Schlagzeile „Blutige Krawalle: 1 Toter!“

berichtete die „Bild“-Zeitung an jenem 3. Juni 1967:

Ein junger Mann ist gestern in Berlin gestorben. Er wurde Opfer von Krawallen, die politische Halbstarke inszenierten. (…) Ihnen genügte der Krawall nicht mehr. Sie müssen Blut sehen. Sie schwenken die Rote Fahne, und sie meinen die Rote Fahne. Hier hören der Spaß und der Kompromiss und die demokratische Toleranz auf. Wir haben etwas gegen SA-Methoden.

Noch einen Tag später titelte „Bild“:

Studenten drohen: Wir schießen zurück — Sanfte Polizei-Welle

Als mehrere Studenten im April 1967 vorübergehend festgenommen wurden, weil sie Mehl und Joghurt in Beutel abgefüllt und ein Attentat mit Pudding auf den amerikanischen Vizepräsidenten geplant hatten, sprach „Bild“ von „Bomben und hochexplosiven Chemikalien“ und „sprengstoffgefüllten Plastikbeuteln“ und titelte: „Bombenanschlag auf US-Vizepräsidenten.“

Am 7. Februar 1968 schrieb „Bild“:

Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.

Zwei Monate später wurde das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke verübt.

http://www.bildblog.de/

http://wissen.spiegel.de/wissen/doku…94&top=SPIEGEL

Und heute lesen wir von Hans Herrmann Tiedje in der BILD

Punktgenau zum 60. Geburtstag der vereinten Republik wird klar: Manche Lenker der öffentlichen Meinung müssen sich komplett neu orientieren.

Die Deutungshoheit über die Frage, was gut oder schlecht für Deutschland sei, lag bei Typen, für die man sich nur entschuldigen kann. Auch mit Kampagnen wie „Enteignet Springer!“ lagen sie falsch.

Massendemos, Unruhen und brennende Barrikaden, ja selbst der Tod von Rudi Dutschke haben ihren Ursprung direkt im Einfluss- und Auftragsbereich von Erich Mielke, dem Stasi-Minister der SED (heute Linkspartei). So viel auch zum Thema, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. ( Hervorhebung von mir)

http://www.bild.de/BILD/news/standar…nn-tiedje.html

Ein Kommentar von FRIEDRICH KüPPERSBUSCH dazu:

Karl-Heinz Kurras arbeitete für die Stasi. Ändert das die Sicht auf die Ereignisse am 2. Juni?

Nein, das tut wie immer Bild lieber selber: „Gab Mielke den Schießbefehl?“, versucht BamS den Mord schon mal hinter die Mauer outzusourcen. Das klingt schon nach Aussöhnung zwischen Bild und Stasi.

Was hatten wir für ein Glück, dass die Mielkes und Bild getrennt gelagert wurden, 40 Jahre. http://www.taz.de/1/debatte/kommenta…ppersbusch-82/


[1] http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/media/zappspezial104.html www.spiegel.de/video/video-1004852.html

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