Den Antisemitismusvorwurf nicht länger mehr instrumentalisieren!

sz-31-08-2008-leserkommentar-gw

Leserkommentar vom 30. 08. 2008

Worum es in der publizistisch ausgetragenen „Antisemitismus“-Debatte geht, dass ist der Kampf um die Deutungshoheit über einen Begriff, der uns historisch überliefert ist – ein absolut notwendiges und deshalb legitimes Vorgehen, das seit mehr als dreitausend Jahren zur Überlebenspraxis der drei bekanntesten „Buchreligionen“ gehört: ein Rabbi, ein Priester, ein Imam:  sie alle schlagen sich tagtäglich damit herum, ihre Existenzberechtigung (und damit auch ihr persönliches „Geschäftsinteresse„) aus Wörtern und Sätzen abzuleiten, die sie nicht erfunden, sondern die sie – millionenfach exegiert – vorgefunden haben!

Die gleiche Feststellung trifft auch auf uns, die  modernen Begriffsdeuter / Schriftgelehrten zu, hat doch keiner von uns den Begriff „Antisemitismus“ erfunden, handelt es sich hierbei  doch eindeutig um eine Wortschöpfung aus jener Epoche , in der die seit Jahrtausenden herrschende politisch-ökonomische [1] „Judenfeindschaft“von interessierter Seite „rassebiologisch“ angereichert worden ist. Jeder, der sich wissenschaftlich – also verstehend – mit dem deutschen oder französischen Bürgertum des ausgehenden 19. Jahrhundert beschäftigt hat, weiß, wovon ich spreche, und jeder Interessierte kennt die bürgerlichen Erfinder oder die bürgerlichen Nutznießer dieser rassistischen Wende in den politisch-ökonomischen Auseinandersetzungen mit den „Andersartigen“, wie z. B.  den von fast allen Wienern verehrten Bürgermeister Dr. Karl Lueger (1844 – 1910), bei dem auch ein Adolf Hitler virtuell in die Lehre gegangen ist!

Dass in den letzten 100 Jahren  ausnahmslos jeder, der sich selbst als Antisemit bezeichnete und als solcher agierte, auch sich selbst dezidiert als Rassist verstand (und versteht), der z. B. „stolz“ darauf (gewesen) ist, „von der Abstammung her“ kein „Jude“, sondern „blutsmäßig“, „völkisch“ etc. ein „Deutscher“ bzw. ein „Arier“ „zu sein“: das wäre die erste meiner Behauptungen, die es von den Herren Wergin, Broder und Co. zu widerlegen gälte! Das aber werden sie nicht bringen, das werden sie nicht leisten können!

Meine zweite These lässt die beiden Herren ahnen, wie man sich fühlt, wenn man öffentlich als Rabulist vorgeführt wird, lautet sie doch so, dass derjenige, der die biologistisch-rassistische Bestimmung des Begriffs „Antisemitismus“ als sein Alleinstellungsmerkmal leugnet – und dieses Geschäft betreibt (nicht nur) die „Achse des Guten“ sehr systematisch – sich nicht nur als „Beschützer Israels“ selber ins Knie schießt, sondern das geradezu befördert, was er zu bekämpfen vorgibt: die Judenfeindschaft in Gestalt der Ausgrenzung einer Minderheit, die gewollt und provokativ ihr „Anderssein“, ihre „Opfermentaltät“  als (selbst so bezeichnetes) „Jüdischsein als eine Fahne vor sich herträgt“!. Und das irritiert mich!

Ich denke, dass Clemens Wergin und Henrik M. Broder die rassistisch-biologistische Konnotation des Begriffs leugnen, wenn sie diese Aussage treffen: „Unter Forschern besteht denn auch kaum ein Zweifel, dass der Antisemitismus eine Transformation durchgemacht hat und heute auch im salonfähigeren Gewand überzogener Israelkritik daherkommt, egal ob von links oder rechts“. (C. Wergin).

Exkurs 1: Da jede menschliche Handlung nur verständlich ist, wenn man sie nach dem WERT / Nutzen / Zweck befragt, die sie (vermeintlich) für den Handelnden hat (haben sollte), dann ist meine Antwort bei Broder und Wergin die, dass sie insbesondere deswegen – also trotz der von ihnen behaupteten „Transformierung“  (durch wen?!) –  auf dem Begriff „Antisemitismus“ beharren, weil sie unbedingt die mit dem Begriff untrennbar verbundene Konnotation /Assoziation  jener berüchtigten „Endlösung der Judenfrage“ über- oder unterschwellig für ihre Diskriminierungszwecke nutzen wollen! Beispiel: So geschehen in ihrer Attacke auf Frau Hecht-Galinski und auf Frau Langer, die sich selbst wohl auch irgendwie (rassisstisch-biologistisch, theologisch, völkisch oder wer weiß wie?) als „Juden“ verstehen (wollen, sollen)…?! [2]

Exkurs 2: Es sollte sowieso mal die Frage erörtert werden, warum sich unsereiner – wenn überhaupt! – nicht als „Arier“ („rassisch“), sondern als „Deutscher“ („national“) präsentiert, der „Jude“ Broder aber ständig sein „Jüdischsein als Fahne vor sich herträgt“, ein, wie ich finde,  völkischer, idiotischer Exhibitionismus, der für die Wahrheitsfindung / Erkenntnisgewinnung genau so irrelevant ist (sein müsste), wie das Katholischsein eines Nicht-Evangelischen. ODER?! [3] Aber Broder und Co. geht es in diesem unserem Kampf um Deutungshoheit nicht um Erkenntnisgewinn, sondern um ihre (legitimen) Geschäftsinteressen: das diffuse und abstruse  „Jüdischsein“ ist von ihnen- so wie ihr „Anti-Antisemitismus“ – zu einem geldwerten Markenzeichen „transformiert“worden, das vielleicht den „Vorteil“ aufweist, von den „Japanern“ oder „Deutschen“nicht so einfach geklaut / kopiert zu werden…!?

Zurück zur Aussage von Wergin: Wer, das ist doch die durch ihn zwingend aufgeworfene Frage, bestimmt hier eigentlich, wann eine Kritik „überzogen“, also unzulässig, ist und wann nicht,  die Herrenmenschen [4] oder die Beherrschten?! Und eine Tatsache ist es doch auch, dass die Antisemitismuskeule auf „Linke“ bzw. „Liberals“ (USA) niederdonnert, weil sie es sind, die beispielsweise die Zweistaatenpolitik der UNO unterstützen, während die us-amerikanische Rechte, insbesondere die fundamentalistischen Evangelikalen, die Israel-Lobby unterstützt. Noch jedenfalls, geht doch insbesondere auch sie – so, wie die jüdische Orthodoxie – von der endgültigen Vernichtung Israels aus, die als Armaggedon-Phantasie [5] namens „Iran“ oder „Islam“ gerade mal wieder fröhliche Urständ feiert…..!?

Das also ist die Masche der Israel-Lobby: die „Transformierung“ eines Begriffs zwecks Instrumentalisierung  als Waffe im politischen Diskurs: „Demnach ist es antisemitisch“, schreibt Wergin, „andere Standards an Israel anzulegen als an andere Völker, den Juden einen Staat als Ausdruck ihrer nationalen Identität zu verweigern, Israel mit Nazivergleichen zu diffamieren oder von einer jüdischen Weltverschwörung zu reden.“ So denkt auch Broder, doch wird auch seine Denke nicht dadurch objektiver, dass es sich dabei um eine „Arbeitsdefinition“ des „Antirassismuszentrum“ der EU handelt…!

Nichts davon aber ist per se „antisemitisch“! Was hier an Einstellungen / Meinungen aufgelistet wird ist definitiv kein Beleg einer „antisemitischen“, sondern vielleicht Ausdruck einer  oder „antiisraelischen“ oder „antizionistischen“ oder „judenfeindlichen“ Denkweise / Meinung – und die wäre ebenso hirnrissig und verfassungsgemäß, wie es eine „antideutsche“ oder „amerikafeindliche“ Meinung ist! Dieser Tatbestand hat etwas mit dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit zu tun, auf das sich Broder im übrigen immer dann beruft, wenn es ihm in den Kram passt.

Ich finde: Zionisten (und ihre „Unterstützer“) sollten sich auch in Deutschland stolz als (Sympathisanten von) Zionisten bekennen (können) – doch nicht länger mehr mit der Antisemitismuskeule zuschlagen (müssen), wenn sie für ihr mehr oder weniger fragwürdiges Handeln auch das ernten, was man im Volksmund mit „konstruktiver Kritik“ bezeichnet. Und gerade auch die beiden von mir hier vorgeführten Deutschen Israel-Lobbyisten sollten endlich lernen, mit den Widersprüchen, die sie auslösen (und die sie ernten) auf eine zivilisierte Art und Weise umzugehen, also z. B. auch im Kalten Krieg der Worte die Würde der kritisierten Persönlichkeit zu achten. Und das erfordert sowohl von Broder wie von Wergin, prinzipiell auf die Instrumentalisierung des Antisemitismusbegriff zur Diskreditierung von Andersdenkenden im politischen Diskurs – und nur das ist hier das Thema! – zu verzichten, etwa so, wie es  die Vereinten Nationen den beiden bei der Ächtung der ABC-Waffen als ultima ratio einer Kriegsführung einst vorgemacht haben!

Gerd Weghorn, Bonn


 

[1] Die weit verbreitete „Judenfeindschaft“ war nur theologisch kaschiert, aber politisch-ökonomisch begründet! Lies hierzu Karl Marx: Zur Judenfrage (1843). In: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm
[2]
taz: Wie weit sind Sie mit der Jüdischen Gemeinde oder dem Judentum verbunden, und (…)?

Hecht-Galinski: Ich bin erziehungsmäßig und traditionell mit dem Judentum verbunden, aber nicht im religiösen Sinne.“

Aus:   http://www.taz.de/tpl/2000/05/13.nf/text?Tname=a0156&list=TAZ_txt&idx=92

[3]

Diana Pinto skizziert die Bandbreite der Vorschläge zur „Bestimmung“, besser: zur Bezeichnung dessen, was heutzutage „Jude“, „jüdisch“, „Judentum“ sein soll, hier ein Auszug aus ihrem Plädoyer für ein „freiwilliges“ Judentum, (ohne dass es auch ihr gelungen wäre, die Begriffe zu definieren), wobei auch hier deutlich wird, dass einmal erfundene Bezeichnungen nicht beliebig „transformiert“ werden können:

„Juden (?!), die Kinder von jüdischen Vätern sind und den Gedanken einer Konversion ablehnen; sie nehmen das Judentum (?!) freiwillig (?!) für sich in Anspruch, indem  sie sich weigern (?!), in ein Volk (sic) „aufgenommen“ zu werden, dem sie bereits anzugehören meinen (verstanden?!). Sie verwahren sich im Namen eines demokratischen Individualismus und abweichender Verwandtsschaftsstrukturen dagegen, daß ihnen ihre Identität (?!) verweigert wird.“ (bitte vormachen!)

„Der freiwillige Jude und das „auserwählte Volk“: ethische Verantwortung ohne Überlegenheit. Wie lassen sich jüdische und universelle Zugehörigkeit im Zeitalter pluralistischer Ideale in Einklang bringen? Die schwierige Verbindung (!) von Judentum und Demokratie bedeutet, daß sich der freiwillige Jude auch im „Anderen“ wiedererkennt, mit dem er oder sie in einem pluralistischen Kontinuum – das vom Juden (?!) zum Staatsbürger und wieder zurück reicht – interagiert.“

Aus: http://www.hagalil.com/bet-debora/journal/pinto.htm

[4 „Wer Jude ist, das bestimme ich“ (Karl Lueger); dies ist auch die Auffassung der Rabbinate.

[5]

BorgstedtMichael Borgstedt: Gemeinsam zum Jüngsten Gericht. In: FAS vom 16. 12. 2007(…) Als Voraussetzung für den Beginn der Endzeit werden oft der Wiederaufbau des jüdischen Tempels und die Wiederherstellung Israels zum biblischen Großreich genannt. Zumindest mit letzterer Forderung kann sich das nationalistische Lager in Israel gut anfreunden. (…)Kein Wunder also, dass der damalige Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 1998 vor evangelikalen Christen in Washington verkündete: „Wir haben keine treueren Verbündeten als die Menschen in diesem Raum.“ Die Tatsache, dass für die Evangelikalen auch die Judenmission immer zum Heilsplan gehört und nach der „großen Trübsal“ nur zum Christentum konvertierte Juden errettet werden, wird da geflissentlich übersehen. Morton Klein von der rechtsgerichteten „Zionist Organization of America“ sieht das pragmatisch: „Ich will die Unterstützung dieser Leute heute.“ Die christlichen Israel-Liebhaber versuchen derweil eifrig, die Voraussetzungen für das Jüngste Gericht zu schaffen. So bemühte sich der amerikanische Viehzüchter und evangelikale Prediger Clyde Lott schon seit vielen Jahren darum, eine im Alten Testament beschriebene Rinderrasse zu züchten, um sie nach Israel zu exportieren. Denn nur nach der rituellen Reinigung mit der Asche eines solchen Opferkalbes dürfe ein Priester den Tempel betreten.Gleichzeitig macht die christliche Israel-Lobby von ihrem mittlerweile beträchtlichen Einfluss auf politische Entscheidungsträger Gebrauch, um die Nahost-Politik der Vereinigten Staaten nach ihrer Heilserwartung zu gestalten. Die Website der „Christian Zionist Organization“ verkündet selbstbewusst, es würden heute „Millionen Christen in den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt Israel mit kritikloser Begeisterung“ unterstützen und dabei sogar die Solidarität der jüdischen Gemeinschaft übertreffen. John Hagee bestätigt das. „Wenn ein Kongressabgeordneter jemanden von AIPAC sieht, weiß er, die Person repräsentiert sechs Millionen Menschen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir repräsentieren vierzig Millionen.“ Die Zahl mag übertrieben sein, die Israelis zumindest sind sich des Einflusses ihrer christlichen Freunde auf die amerikanische Politik ebenso bewusst, wie sie die großzügigen Spenden der Evangelikalen zu schätzen wissen.“

 

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2 Antworten zu Den Antisemitismusvorwurf nicht länger mehr instrumentalisieren!

  1. profiprofil schreibt:

    Ein krudes Beispiel für den konkurrenzdiktierten Umgang mit Antisemitismus als Geschäftsidee ist der Artikel

    Krudes Interview:
    Charlie Sheen wehrt sich gegen Antisemitismus-Vorwurf

    http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,749281,00.html

  2. profiprofil schreibt:

    Feindbild Muslim – zum Rassismus der Anti-Antisemiten von „political incorrect“

    [audio src="http://gffstream-8.vo.llnwd.net/c1/m/1254489784/radio/lebenszeichen/wdr3_5_lebenszeichen_20091004_0900.mp3" /]

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