Freigeist Gauck und die Plappernde Kaste

work in progress: 19.01. 2017

Orwell

Rüdiger Safranski hat eine so eindrucksvolle Lobrede[1] auf „Die Freiheit“ und ihre Inkarnation in Gestalt des Bundespräsidenten Gauck geschrieben, dass sie mich zu einer Stellungnahme motiviert hat, in der es deshalb auch nicht um die Weltanschauung des Herrn Gauck[2], sondern vorzugsweise um die Denkweise des Herrn Safranki geht, eines der „literarisch“ agierenden Protagonisten jener Profiteure der kapitalistischen Demokratie, die ich unter dem Begriff der Plappernden Kaste schon seit Jahren mit dem Geschenk meiner Kritik bedenke.

Safranski findet es nämlich „ansteckend“, „diesen Freigeist im Amt zu beobachten“, weil er in Gauck quasi den Priester einer „Zivilreligion“ [3] – „wenn es die denn geben sollte“ – sieht, der als „Leviten-Leser“ (auftreten und so) das Land verändern“ [4] könnte.

Damit ist klar: die Latte der Erwartungen ist von Seiten der bürgerlichen Leitmedien so hoch gelegt worden, dass Gauck sie eigentlich nur reißen kann – eine Vermutung, die auch von Gauck selbst schon geäußert worden ist, als er sich ironisch gegen die Supermann-Idolisierung seiner Person gewandt hatte. Aber: da liegt sie nun mal, und es interessiert mich genau das, nämlich aus welchem Material sie besteht und wie und warum sie dahin gekommen ist.

Das Material des hier von Safranski präsentierten bürgerlichen Anspruchsdenken – so meine Kategorisierung – ist ein Begriff, dem Gauck bereits ein „Plädoyer“ gewidmet hatte, und zwar in Gestalt einer schmalbrüstigen Fibel mit dem breitbrüstigen Titel: „Freiheit“.[5] Der „Geist“ dieser „zusammenfassenden Schlussrede“ dürfte auch die Laudatio von Safranski durchwehen, der sich (ebenfalls) nicht in die Niederungen der philosophischen Definition der äußerst vielschichtigen Begriffsvorstellungen zum „Thema Freiheit“ (Safranski) begibt, sondern der sich – wie ich – dankenswerter Weise auf seine ganz persönliche Vorstellung von Freiheit konzentriert.

Hier ein kleines Exzerpt seiner Umschreibungen / Illustrationen dieses „Wortes“: „Freiheit“ ist für Rüdiger Safranski

  • etwas, für das Menschen im Kampf ihr Leben riskieren und sogar verlieren können
  • eine Kostbarkeit, ein Geschenk, eine verändernde Kraft, eine Quelle der politische Vitalität, an dem man Freude und eine warme und tiefe Zuneigung entwickeln bzw. haben sollte/könne
  • nicht nur ein politisches Regelwerk, sondern auch eine Lebensmacht
  • eine Lebensform der „Ermächtigung“ (Gauck): „Indem man seine Freiheit ergreift, ermächtigt man sich zur Eigenverantwortung und wird auch frei dafür, Verantwortung für andere zu übernehmen, bis hin zum Gemeinwesen, das in der Freiheit des Einzelnen gründet und zugleich diese Freiheit ermöglicht“
  • etwas, das anspruchsvoll und anstrengend ist, das man ergreifen, das man leugnen, das man nutzen, das man rauben, das man zum Verschwinden bringen, das man festhalten, verlieren, wegerklären, vergewaltigen, für das man sich aufopfern kann.

Das soll an Wörtern und Sätzen genügen, um sich ein Bild davon zu machen, was für Safranski „Freiheit“ bedeutet, anders gesagt: welchen Stellenwert, welchen Wert sie für ihn besitzt, nämlich: „dass Freiheit gewiss nicht alles ist, aber ohne Freiheit alles nichts ist.“

Das Schöne an solchen Wörtern und Sätzen ist, dass ihnen jeder zustimmen kann, und dies auch dann, wenn ein jeder unter Freiheit etwas anderes verstehen sollte, als sein Nachbar oder sein Alter Ego, denn: „zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, lässt Goethe schon seinen Faust aufseufzen; und das sieht auch Safranski mit seinem Nietzsche so, demzufolge der Mensch „etwas in sich Geteiltes (ist). Er ist von seinem Begehren getrieben, und er kann sich selbst etwas befehlen.“

Für jeden, der wirklich – will sagen: nicht voluntaristisch, nicht manipulativ, nicht illusionär, kurz: nicht falsch – denken kann, ist mithin klar, dass es Freiheit als solche, Freiheit „an sich“ nicht gibt – und prinzipiell auch gar nicht geben kann – wusste doch schon der Volksmund vor tausend Jahren, dass lediglich „die Gedanken frei“ sind bzw. es sein könnten – vorausgesetzt, man KANN wirklich denken!

Und ein Denker weiß auch, dass man aus diesem Grunde kein „Plädoyer“ für „die“ Freiheit halten kann, wenn man sich nicht des Verdachts des Priestertrugs aussetzen will!

Das weiß vermutlich auch der Bundespräsident, dass sich sein Losungs-Wort „Freiheit“ wegen seiner „universellen Wendigkeit / gibkost“ (Lenin) so hervorragend für die Instrumentalisierung aller Interessenten – auch der Adressaten mit antagonistischen Interessen! – für das Interesse desjenigen eignet, der über die institutionell gestützte Autorität, der über Machtorgane, der über das Amt (des Bundespräsidenten) verfügen kann, „die Freiheit“, genauer gesagt: seine Freiheitsvorstellung zu verkünden und durchzusetzen. Wenn dagegen der Weghorn Gerd „Freiheit. Ein Plädoyer“ schreiben würde, dann könnte er für die 62 Seiten keine 10 € verlangen, sondern müsste dieses sein Druckerzeugnis in die Tonne kloppen (oder ins Netz stellen).

„Freiheit“, das ist ein Anspruch, dessen Resultate gesicherte Existenzbedingungen sein müssen, die deshalb als Ziel des Freiheitsstrebens definiert werden müssen: Verteilungsgerechtigkeit  und Chancengleichheit in punkto Qualifizierung, Berufswahl, Gesundheitssicherung und Alterssicherung beispielsweise.

Das sieht auch Safranski so, wenn er schreibt: „Jeder strebt nach Glück. Freiheit kann dazu beitragen, ist aber doch nicht der direkte Weg. In der Regel wird der Weg über die Sicherheit, den Besitz und die angebotene oder aufgedrängte Versorgung und Betreuung gewählt. Freiheit jedoch ist anstrengender und anspruchsvoller.“

Wozu aber ist dann „die Freiheit“ der „direkte Weg“? Wieso und Wozu überhaupt kann Freiheit „etwas beitragen“?! Ist „Freiheit“ ein Subjekt?! Eine Erscheinungsform des Weltgeistes vielleicht?!

Wenn Safranski davon spricht, dass man „seine Freiheit ergreift“, dann geht auch er davon aus, dass Freiheit ein individuelles „Potential“, eine persönliche „Kraft“ ist: „Freiheit ist mehr als nur Selbstverwirklichung. Es (sic) ist die Kraft, die uns dazu bringt, auch über uns selbst hinauszugehen.“

Damit hätten wir eine interessante Definition des bürgerlichen Begriffs von Freiheit kennen gelernt: „Freiheit ist eine Kraft, die uns dazu bringt…“ – ja mei: wos isn dös?! Was für eine lächerliche „Erkenntnis“ im Vergleich zur Marxschen Definition von Freiheit als der persönlichen „Einsicht in die Notwendigkeit“ persönlichen Handelns!

Das Interesse an „Freiheit“ – und nur das ist von Interesse – ist nämlich keine natürliche, quasi angeborene Kraft, sondern das Resultat eines gewordenen, kulturell gefärbten, milieubedingten  Interesses, das man sich aneignen und das man professionalisieren muss, weiß doch jeder, wenn er auch sonst nichts weiß, dass nicht Freiheit, sondern Bindung das Grundbedürfnis der Kreatur ist und dass beim Menschen die „persönliche“ – also individuelle oder freie! – Gestaltung von „Bedürfnissen“ (= Auslöser von Zwangshandlungen) auf dem spezifischen Geltungsbedürfnis beruht, das sich erst durch Sozialisation zum persönlichen Geltungsinteresse besondert und so das herausbildet, was wir als individuelle Persönlichkeit bezeichnen dürfen.

EXKURS zum Thema Stellenwert von Geltungsbedürfnis und Bindung

Ein unschlagbares Beispiel für die dominierende Bedeutung von Bindung für die zwischenmenschlichen Beziehungen sind „Herzensangelegenheiten“, wie Lieben, Heiraten, Versorgen, Vertrauen, Respektieren, Beachten, Kümmern, Hochachten, Wertschätzen und tausend Interessen mehr, die allesamt ohne eine feste Bindung an das Objekt der Beachtung nichts wert wären, also keine Geltung besäßen, also dem Generalinteresse des Menschen – dem Geltungsinteresse nämlich – widersprächen; vor die Wahl zwischen politischer (Rede)Freiheit und persönlicher Wertschätzung gestellt würde jeder Mensch die Befriedigung seines persönlichen Geltungsinteresses favorisieren.

Die dominierende Bedeutung von Bindung – hier: zwischen zwei ehemalig befeindeten Nationen – kommt exemplarisch auch in dem Artikel von Von Constanze von Bullion in der SZ vom 28. 3. zum Ausdruck, wenn es da unter der Überschrift „Herzensangelegenheit“ heißt:

Warschau – Kaum hat die Karosse das Palasttor passiert, da klopft der Neue sich schon an die Brust. Links natürlich, eine ‚Herzensangelegenheit‘ sei ihm dieser Besuch, sagt Joachim Gauck (…) und hier greift der Pole so herzhaft nach der Hand des Deutschen, als habe er einen verschollenen Bruder wiedergefunden.“

Diese meine Behauptung der absoluten Dominanz der strukturellen natürlichen und sozialen Voraussetzungen von „Freiheit“ im persönlichen Wahlverhalten korrespondiert elementar mit den physischen und psychischen Qualifikationsvoraussetzungen einer jeden Persönlichkeit, die in biographisch zunehmendem Maße das Resultat von Sozialisationsprozessen im weitesten Sinne des Begriffs (geworden) sind: Eltern, Geschwister, Peergroups, Massenmedien etc..Und sie findet landlaufig ihre Ausdrucksform in Gestalt von „Geschmack“ und „Gefallen“, also als Entscheidungsfreiheit im Konsumverhalten: das Lieben, Beachten, Wertschätzen und all die übrigen UMGANGSFORMEN muss der Mensch nun mal erlernen, was man allerdings auch unter absolut unfreien Bedingungen (im „Unrechtsstaat“ DDR, im KZ, auf einem U-Boot, in einer Ehe etc.) sowohl erlernen als auch praktizieren kann – wenn man es eben KANN!

Nicht „Freiheit“, sondern das Erlernen, das Professionalisieren und das situationsgerechte Praktizieren von Beziehungs-, Führungs- und Kampfkompetenz sind „das Thema“, das die Menschen umtreibt. Und damit haben Geltungssüchtige, genauer gesagt: OPFERMENTALITÄTER, so ihre mehr oder minder massiven Schwierigkeiten:

Analysiert man beispielsweise die Taktik des Mörders von Toulouse, oder des soldatischen Mörders Robert Bales aus den USA in Afghanistan, so erkennt man in ihr das „Skript“ eines Sozialisationsprozesses, in welchem sich diese Persönlichkeiten zu einem OPFERMENTALITÄTER entwickelt hatten- und sich dazu hatten entwickeln müssen,  einem „Typ“, welcher sich persönlich erst dann „frei“ – sprich: befreit i. S. von „Selbstverwirklichung“ – gefühlt haben dürfte, als er (sich selbst) getötet, sich also zu dem gemacht hat, als den er sich „eigentlich“  als „authentisch“ empfunden hat.

Klar: das war nicht „verantwortungsvoll“ gegenüber den Betoffenene, wohl aber gegenüber sich selbst, ist doch ein Selbstmord in Wirklichkeit ein „Freitod„, hier ein Symptom (von vielen) seiner Geltungs-Suchtkrankheit. Und Menschen mit dieser Krankheit und diesem Bedürfnis, sich „endlich wieder einmal“ als Opfer erleben zu dürfen (!), die gibt es in allen Gesellschaftsformationen wie Sand am Meer – und diese unheilbar gekränkten Selbstmordattentäter als „Terroristen“ hinzustellen garantiert dementsprechend für ihre Profiteure PR-mäßig die never ending horror story: zum einen den Kriegsgewinnlern und zum zweiten ihren opportunistischen und korrumpierten Informellen Mitarbeiter in der Plappernden Kaste, denen meine ganz besondere kritisch-polemische Beachtung gilt!

Zurück zu Safranskis Ausführungen

Von „Selbstverwirklichung“ als Ziel von „Freiheit“ ist Safranski allerdings nicht überzeugt und angetan, wenn er in seine Abhandlung zum „Thema Freiheit“ mit einer gedanklichen Volte unvorbereitet und plötzlich dieses neue Kriterium von „Freiheit“ einführt:

Der Mensch „ist von seinem Begehren getrieben, und er kann sich selbst etwas befehlen (das konnte der Mörder von Toulon auch – GW). Deshalb liegt die Pointe der Freiheit nicht bei der Selbstverwirklichung, sondern bei der Selbstüberwindung, mindestens aber Selbstbeherrschung.“

Das beides hat aber auch „der Mensch“ mit Sicherheit erst erlernen müssen.

Und was mit dieser Zuschreibung gemeint sein könnte, das erschließt sich m. E. insbesondere aus der Analyse der Umgangsformen in streng reglementierten Weltanschauungsgemeinschaften, wie sie insbesondere im orthodoxen Judentum, im Zionismus, im orthodoxen Christentum (inklusive Evangelikalen) oder im revolutionären Nationalsozialismus in Gestalt von Familie, Gemeinde, Orden, Bewegungen, Parteien oder Interessengruppen (SS, Kompanie, HJ, BdM etc.) „normal“ (gewesen) sind, deren Mitglieder gerade wegen der autoritären Bindung das Gefühl der Befreiung (von Elternhaus, von Milieu) und der Freiheit durch Bindung/Hingabe (an Familie, Peergroup, Kader, Parteizelle, Kameradenkreis, Milieu etc.) erleben sollen – und können!

Selbstbeherrschung ist gerade in fundamentalistischen Kreisen als Grundlage der Hingabe an die „Pflichten“  der Bezugsgruppe – einhergehend mit der Unterdrückung der „ineffektiven Neigungen“ des Körperselbstbewusstseins – das Erziehungsziel Numero eins.

Selbstbeherrschung ist also für Safranski – und offensichtlich auch für Gauck – das Resultat ihrer „anstrengenden und anspruchsvollen“ „Kraft“, jener Norm (nicht: Qualifikation!), die Safranski „Freiheit“ nennt?!?! Oder wie sonst soll man diese zentrale Aussage von Safranski deuten, die da lautet:

„Bei alledem hat man es auf mehr abgesehen als auf sich selbst. Dieses Vermögen, über sich selbst hinauszugehen, sich hinzugeben, womöglich sogar aufzuopfern, ist Freiheit im Sinne von Selbsttranszendenz.“

Ich könnte dem Gedanken – wenn man denn „Vermögen“ als „Kompetenz“ präzisierte – prinzipiell zustimmen, mache jedoch darauf aufmerksam, dass „Hingabe“, „Aufopferung“, „Selbsttranszendenz“ exakt die Tugenden sind, die (auch und) gerade von den erwähnten autoritären Systemen erwartet und autoritär durchgesetzt werden: „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“! Das orthodoxe Judentum z. B. fordert von den Gläubigen „die Erfüllung aller 613 Mizwot. Keine einzige Mizwa darf ausgelassen werden“ (Israel M. Lau 1988, S. 13) Würde einer es wagen, die Juden als „unfrei“ hinzustellen?! Oder habe ich „beim Thema Freiheit“ (Safranski) etwas falsch verstanden? Ich bitte also um eine „wirkliche“ Interpretation dieses Gedankens, falls mein Verständnis hier auf WIDERSPRUCH stoßen sollte: weghorn@kampfkompetenz.de für die vorsichtigen  oder den foristischer Kommentar für die mutigen Freigeister! (Ich gehe aber davon aus, dass sich weder dazu, noch dazu, sorry, leider jemand befähigt fühlt…?!)

Gauck, so Safranski, habe selbstverständnlich mit autoritären Systemen überhaupt nichts am Hut, ist er doch vor 20 Jahren von einem solchen befreit worden, was ihn „zum“ Liberalismus verführt habe: „Gauck bekennt (!) sich zur liberalen Idee“, ein Bekenntnis, das zwar irgendwie geläufig und positiv klingt, das jedoch tatsächlich mehr als schwammig ist, weil es „die“ liberale Idee genau so wenig gibt wie „die“ Freiheit.

Safranski versucht sich dementsprechend an einer Definition/Einengung dieser „liberalen Idee“ mit einer „Argumentation“, die dann allerdings seinem gerade noch postulierten Aufopferungsverständnis von Freiheit diametral widerspricht, wenn er schreibt:, dass diese Idee (!) „den Menschen als ein Wesen ansieht, das sich nach eigenen Zielen und Werten selbst bestimmen kann. Kein Menschenbild soll verbindlich gemacht werden außer dem der Selbstbestimmung.“ Was ist „Selbstbestimmung“ anderes als „Selbstverwirklichung“? Und: wir haben 1920, 1945 und 1999ff. sehen können, wohin das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ beispielsweise geführt hat: zu Kriegen zwecks „ethnischer Säuberung“ eines Landstrichs, in dem Menschen unterschiedlicher Abstammung jahrhundertelang friedlich und sich bereicherend (Mulitkulti) zusammen gelebt hatten: ein vereintes Europa hat es mal gegeben, ein Jugoslawien und ein  Somalia auch. Die USA, Syrien, Tunesien oder Südafrika sind vier Beispiele dafür, dass Ethnien relativ friedlich und gleichberechtigt zusammenleben können – könnten, besser gesagt, da ist noch vieles zu tun. Und warum geht das nicht in Palästina?! Oder im Irak, in Libyen, in Jugoslawien?!

Divide et impera, das ist die Maxime des Imperialismus, auch und gerade des amerikanischen, des Erfinders jenes „Selbstbestimmungsrechts der Völker“, von Völkern allerdings, die leider immer noch „völkisch“, biologistisch – also gemäß dem jüdischen und deutschen Blut-und-Boden-Verständnis – definiert worden sind; und es noch immer werden!

„Selbstbestimmung“ als völkisches Definiens von Freiheit ist, mit Verlaub gesagt, genau so ein esoterischer Quark in höchster homöopathischer „Potenz“, wie das gerade noch von Safranski verworfene Kriterium „Selbstverwirklichung“ als persönliches Definiens von Freiheit:

„Man wird innerlich belohnt, schreibt er (Gauck – GW), „wenn wir leben, was als Potenz in uns angelegt ist“. Man ahnt, dass sich in solcher „Potenz“ ein religiöser Überschuss verbirgt. Er ist gültig für ihn, aber er drängt ihn keinem auf. Solche Selbstbestimmung steht jedenfalls in schroffem Gegensatz zu politischen Großprojekten, welche genau zu wissen meinen, wie der Mensch zu sein hat, und die ihr jeweiliges Menschenbild notfalls mit Gewalt für alle verpflichtend machen wollen. Gegen diese totalitäre Vergewaltigung, die Gauck am eigenen Leib erlebt hat, steht die Tradition des freiheitlichen Denkens, die für Gauck so lebendig ist, als würde er sie jeden Tag neu finden und erfinden.

Was auch immer das sein mag: am „freiheitlichen Denken“ – „Wirklich-Denken-Koennen.de“ wäre sowieso zu empfehlen – ist Gauck auch in der DDR nicht wirklich gehindert worden, und ich denke, dass Safranski mit den „politischen Großprojekten“ und mit den „totalitären Vergewaltigungen“ ganz selbstverständlich die ehemaligen „sozialistischen“ Staaten meint, so, als ob Gauck in den zurückliegenden 20 Jahren nach seiner Befreiung noch nie etwas von der „repressiven Toleranz“ (H. Marcuse)  der kapitalistischen Demokratien gehört hätte und noch nichts vom imperialistischen Gebaren der einzigen Großmacht USA, die allein 700 Mrd. Dollar pro Jahr darin investieren, sich mit Kriegen und Kriegsdrohungen (gegen den Iran) die Verfügungsgewalt über die Rohstoffe zu sichern, die sie benötigen, um die inneren Widersprüche zwischen Arm und Reich mit spottbilligeingekauften  Sprit übertünchen zu können – eine tolle „Weltanschauung“, Herr Safranski: Ihre „freie Fahrt für freie Würger“, und ich denke, dass auch die DDRler 1990 nchts anderes gewollt habe als „frei reisen“! Und mit dem Rest war jeder Einzelne so zufrieden, wie er es denn gelernt hatte, als Schuster bei seinen Leisten zu bleiben! Geltungssüchtige wie Nörgler, Besserwisser, Intriganten etc. sind nirgendwo grundsätzlich zu befriedigen, auch in unserer freiheitlichen Demokratie nicht.

Der Grund: Es ist das erlernte Anspruchsdenken, dass dich frei / zufrieden / glücklich sein lässt – oder eben nicht. Freiheit ist das Resultat einer persönlichen Einstellung, und es braucht keine Plappernde Kaste, sondern eine Avantgarde, die die Beziehungs-, Führungs- und Kampfkompetenz erwirbt und praktiziert, „bei der Willensbildung des Volkes“ (Art. 26 GG) dergestalt „mitzuwirken“, dass wir nicht länger mehr unsere Freiheit egoistisch – also auf (Selbst)Ausbeutung bzw. auf Pump gegründet – mit dem gleich zu setzen, was nun der Sinn des Lebens sein KANN: KANN doch kein Lebewesen unbegrenzt wachsen, findet natürlicher Weise jedes Wachstum  sein ENDE! Da dieses Grundgesetzt auch für den Kapitalismus gilt, muss er gesetzmäßig durch eine „Schuldenkrise“ – auf Kosten der Habenichtse, selbstredend – zusammenbrechen und damit das ganz obszöne Spiel wieder auf Anfang gestellt werden!

Um den allenthalben zu beobachtenden Missbrauch im Umgang mit der reichlich zur Verfügung stehenden persönlichen Freiheit – die in der Tat in Deutschland kein brennende politische Forderung mehr, sondern zur Gauckschen Phrase geronnen ist – um diesen Missbrauch, der ja strukturell nur noch mit dem Wachstums-Wahnsinn des raffenden Kapitals „befriedigt“ werden kann – das sich „Privatisierung“ durch „Deregulierung“ der öffentlichen Institutionen zwecks Zerschlagung der solidarischen zwischenmenschlichen Bindungen  auf die Fahne geschrieben hat [6] – um diesem Missbrauch die wirkliche politische Forderung nach Erfüllung des Interesses an guter Bindung entgegensetzen zu können, dazu bedarf es zukünftig einer Politik, die das Gemeinwesen nicht strukturell und ideell entmannt, sondern die das Gegenteil bewirkt.

Und dazu bedarf es Politiker (w/m), die genau auch jene von Safranski propagierte Tugend der Selbstbeherrschung beherrschen, welche einer professionellen Führungs- und Kampfkompetenz zugrundeliegt!

Zum Beispiel, um Deutschland politisch zu einem strikt pazifistisch agierenden Vorbild für die Welt zu machen, einem wirklich brauchbaren „Modell Deutschland“ (Helmut Schmidt): dazu bräuchte es vor allem anderen eine SPD-Führung, die ihre „Freiheit“ als letztes dazu nutzen dürfte, sich ihren Arbeitsplatz zu sichern! Sie müsste stattdessen in erster Linie dazu bereit sein, sich im Kampf für die Erweiterung des Art. 14 GG und gegen die Zersetzung des Art. 26 GG aufzuopfern (Safranski), garantieren in Zukunft doch nur noch Erfolge auf diesen Gebieten – ein persönliches Anrecht auf gute Arbeit sowie bedingungslose Abrüstung und eine friedliche Koexistenz mit allen Staaten – entscheidend die Wohfahrt der Wähler und der Weltbevölkerung!

Zum Beispiel ihr „bedingungsloses Grundeinkommen“.

„Selbstbeherrschung“ ist ja kein Produkt von „Freiheit“, sondern das Resultat eines Qualifikationsprozesses im Kampf gegen Unfreiheit, und dies mit dem Ziel der Professionalisierung meiner persönlichen Beziehungs-, Führungs- und Kampfkompetenz – sowie der der zu „Bildenden“ (Art. 21 GG), jener Lämmer der Demos-Kratie, die sich von ihren Leitmedien zur Schlachtbank ihrer ideellen und materiellen Enteignung/Entwerung/Verarmung führen lassen (oder „freiwillig“ dahintrotten)!

Statt Freiheit also als das zu betrachten, was sie optimal sein kann:

der persönliche Freiraum als Resultat der persönlichen „Einsicht in die Notwendigkeiten“ der friedlichen und gerechten Koexistenz von gesellschaftlichen Interessengruppen bzw. Nationalstaaten in einer bestimmten historischen Epoche

medien-mussen-sich-verandernpropagieren Safranski und Gauck ein Freiheitsverständnis, das den Interessen – Safranski nennt sie „Selbstachtung“ – der saturierten Plappernden Kaste entspricht, weil deren „liberale Idee“ das Interesse der nicht-alimentierten Bevölkerungskreise an „gerechter“ Beteiligung am Bruttosozialprodukt schlankweg ignoriert (Beispiel: DIE ZEIT vom 19. 01. 2017) bzw. die vom „Bürger“ geforderte „Selbstbegrenzung“ sich im kostenfreien „Respekt vor der Freiheit des Anderen“ – darunter insbesondere der Profiteure der kapitalistischen Demokratie – erschöpft: Dieses „liberale“ Programm liest sich bei Safranski so:

„Die Selbstachtung des freien Menschen, der Respekt vor der Freiheit des Anderen und die damit (!) verbundene Bereitschaft zur Selbstbegrenzung – auf diese liberale Dreifaltigkeit läuft es bei Gauck hinaus. Wenn es so etwas wie Zivilreligion geben sollte, dann ist Gauck eine ‚eindrucksvolle Verkörperung davon.“

„Respekt vor der Freiheit des Anderen“: auch in unserem Lande haben Arme und Reiche die „Freiheit“, unter Brücken zu schlafen, was ich „respektieren“ und was ich ändern kann. Oder wählen zu gehen, denn: wenn „freie“ Wahlen etwas wirklich, noch genauer: radikal ändern würden, so wären sie abgeschafft. [7]

„Zivilreligion“: das Wort klingt allgemeinverbindlich, doch gemeint ist von seinen Profiteuren: „nur keine Experimente“, „et es, wie et es!“, und: „et blivt, wie et es“: das ist die wahre „liberale Dreifaltigkeit“ der Herren Safranski und Co..

Es ist in Wirklichkeit das Glaubensbekenntnis
des egoistischen, individualistischen Neoliberalismus,
das Credo der Plappernden Kaste

Glückauf, Freigeist Gauck


[1]Rüdiger Safranski:  Er ist so frei. Am 18 März wird Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt. Es wird spannend sein, diesen Freigeist im Amt zu beobachten. Quelle: Die Literarische Welt vom 10. März 2012

[2] Der letzte Stand lässt sich aus der Analyse seiner denkwürdigen Antrittsrede erschließen.

[3] Alle Zitate ohne Quellenangabe sind dem Artikel von Safranski entnommen.

[4] DER LEVITEN-LESER. Wie Joachim Gauck das Land verändern will. DER SPIEGEL Nr. 12 vom 19. 03. 2012

[5] Joachim Gauck: Freiheit. Ein Plädoyer.

[6] Karl Marx im Jahre 1848 über den gesetzmäßigen Trend der Zerstörung alter Bindungen gemäß dem Prinzip: zerschlage, beherrsche, verkaufe an manipulierbare Monaden.

“Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose “bare Zahlung”. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritter- |465| lichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.

Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.”

Diese gesetzmäßige Grundlage der „Entwicklung“ von „Entwicklungsländern“ ist – nebenbei erwähnt – der wirkliche Grund für das Entstehen des politischen Fundamentalismus, und dies nicht nur im Islam, sondern auch im Judentum und im Katholizismus, von den us-amerikanischen Evangelikalen ganz zu schweigen.

Und genau diesen Trend der Enkulturation durch „Globalisierung“ abzuwehren, dazu dient der von interessierter Seite so genannte “Terrorismus”, der den Freihändlern wiederum die Chance eröffnet, einen als Kreuzzug zwecks „Demokratisierung“ getarnten “Krieg gegen den Terrorismus” zu inszenieren, der nichts anderes ist als „Klassenkampf“ per Einmischung von außen.  So kommt es dann auf Seiten der „Terroristen“ (die davor auch „Freiheitskämpfer“ geheißen hatten) zur Verteidigung der „reaktionären“ Kultur der Bindungsmenschen gegen die “liberalen Freigeister” namens Gauck und Hintermänner, die “neuen Herrscher der Welt” (Jean Ziegler 2005), deren Korruption und Grausamkeit alles übertrifft, was die Welt nach 1945 kennen gelernt hat (z. B. 2 Mio Tote in Vietnam, 100.00 Tote im Irak, 35 000 Tote im mexikanischen Drogenkrieg); und die sich erst am Anfang ihrer Idee von der “Neuordnung der Welt” befinden. Dazu braucht´s zwar noch ein paar technischer Entwicklungen der Firmen Apple, Facebook und Googledoch die Bürokratie im Pentagon ist schon am Platz.

Gegen diese Cyber-War-Kampfmaschine von Pentagon, CIA, FBI und all die Homeland-Institutionen, die seit dem Patriot Act in 2001 institutionalisiert worden sind, ist die Stasi (und ihre SED) ein Dilettantenstadl gewesen.

Übrigens auch in punkto persönliche Bedrohung! Persönlicher!

Wo also bleibt der wirkliche Mut vor Fürstenthronen, wann also stellen Sie die längst fällige Forderung nach einer us-amerikanischen „Gauck-Behörde“ im „Land Of The Free“, „Freigeist“ Gauck!?

[7] Diese Erfahrung mit der „freien Berufswahl“ machten in den 1970er Jahren etwa 3,5 Millionen Bewerber für eine Stelle im Öffentlichen Dienst, die mit Hilfe der so genannten Regelanfrage vom Verfassungsschutz auf ihre politische Zuverlässigkeit durchleuchtet wurden, mit der Folge, dass es zu 11.000 offiziellen Berufsverbotsverfahren, 2.200 Disziplinarverfahren, 1.250 Ablehnungen von Bewerbern und 265 Entlassungen gekommen ist. (lies: Harald Werner. Köln 2012)

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